Während die Debatte um Rechenzentren vor allem den Strombedarf in den Blick nimmt, bleibt die Abwärmenutzung oft außen vor. Das Projekt „DC2HEAT“ zeigt das Potenzial bestehender Rechenzentren.

Mit dem Energie-Effizienzgesetz (EnEfG) hat Deutschland einen wichtigen Schritt gemacht. Neue Rechenzentren müssen künftig nicht nur effizienter betrieben werden, sondern auch Anforderungen an die Wiederverwendung von Energie erfüllen. Für Rechenzentren, die ab dem 1. Juli 2026 in Betrieb gehen, wird die Bereitstellung von Abwärme damit praktisch zu einem festen Bestandteil der Planung.

Der Fokus der Regulierung liegt auf neuen Rechenzentren

Es ist richtig, dass Deutschland bei diesem Thema vorangeht. Wer heute ein neues Rechenzentrum entwickelt, kann nicht mehr so handeln, als ende die Verantwortung am ServerRack oder an der Grundstücksgrenze. Abwärme gehört in die Standortentscheidung, in das Kühlkonzept, in die technische Gebäudeausrüstung und in die Gespräche mit Kommune und Wärmenetzbetreiber.

Ein Rechenzentrum, das große Mengen Abwärme erzeugt, sollte heute grundsätzlich darauf ausgelegt sein, dass diese Wärme genutzt werden kann. Diese Verantwortung müssen Rechenzentrumsbetreiber übernehmen. Die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Energiewende. Sicher mag es Fälle geben, bei denen eine konkrete Prüfung zeigt, dass die Nutzung der Abwärme technisch, wirtschaftlich oder organisatorisch aktuell nicht praktikabel ist. Das sollten dann aber auch möglichst zeitlich begrenzte Ausnahmen bleiben.

Dass der Gesetzgeber im Wesentlichen die neuen Rechenzentren in die Pflicht nimmt, ist nachvollziehbar. Dort lassen sich technische Schnittstellen, Leitungswege, Wärmetauscher, Flächen für Wärmepumpen und Übergabestationen von Anfang an mitdenken. Im Bestand ist das oft schwieriger.

Denn bestehende Rechenzentren sind häufig nicht auf eine Wärmeauskopplung vorbereitet, die hierfür notwendige Technikflächen sind knapp, Verträge komplex und Eingriffe in den laufenden Betrieb sensibel. Dies zeigt auch eine Machbarkeitsuntersuchung zur Abwärmenutzung aus Rechenzentren in Eschborn und Frankfurt-Sossenheim. „Nur“ 4,5 Megawatt der dort vorhandenen Abwärmeleistung bestehender Rechenzentren ist mit moderatem Integrationsaufwand erschließbar. 

Aber immerhin: Mit dieser Leistung könnten mehrere tausend Wohnungen mit Wärme versorgt werden.

Mit Hilfe von Betriebsdaten lassen sich Abwärmeprojekte besser planen

Auch wenn nicht alle Bestandsrechenzentren an Wärmenetze angeschlossen werden: Diejenigen, bei denen es möglich ist, sind oft besonders gut geeignet. Der zentrale Vorteil liegt in der Verlässlichkeit. Bei einem bestehenden Rechenzentrum ist bekannt, was tatsächlich passiert:

Wie hoch der Stromverbrauch ist, wie sich die Last über den Tag und das Jahr verteilt, welche Temperaturen anfallen, wie stabil der Betrieb läuft und welche Wärmemengen realistisch verfügbar sind. Das sind keine Annahmen und Planungswerte, sondern Betriebsdaten.

Für Wärmenetzbetreiber macht genau das den Unterschied. Sie können mit theoretischen Maximalleistungen wenig anfangen. Vor allem wenn unklar ist, wann ein neues Rechenzentrum tatsächlich ausgelastet sein wird. Viele Neubauprojekte wachsen schrittweise. 

Die IT-Fläche ist eingerichtet und oft auch schon vermietet, aber die Server ziehen erst nach und nach ein. Die elektrische Anschlussleistung mag beeindruckend klingen, doch für ein Wärmenetz zählt die reale, kontinuierlich verfügbare Wärme. 

Wer Leitungen baut, Wärmepumpen dimensioniert und Versorgungskonzepte umstellt, braucht belastbare Profile, keine unsicheren Hochlaufkurven mit vielen offenen Variablen.

Ein weiterer Vorteil bestehender Rechenzentren ist oft die Lage. Viele Bestandsrechenzentren befinden sich in bestehenden Stadtstrukturen, in Büroquartieren, gemischt genutzten Gebieten oder in der Nähe größerer Verbraucher. Es gibt also eine räumliche Nähe zwischen Wärmequelle und Wärmesenke. Je kürzer die Verbindung, desto eher wird aus einer guten Idee ein wirtschaftlich vertretbares Projekt.

Der Wohnkomplex „Pallasseum“ in Berlin zeigt, wie gut das funktionieren kann. Dort wird Abwärme aus einem benachbarten Rechenzentrum genutzt, um mehrere hundert Wohnungen zu versorgen. Das Projekt ist deshalb interessant, weil es nicht unter Idealbedingungen auf der grünen Wiese entstanden ist, sondern im Bestand, in einem realen Quartier, mit realen technischen und organisatorischen Grenzen.

Kleinere, dezentrale Projekte wie das Pallasseum sind oft auch einfacher umsetzbar. Im Vergleich zu neuen Megaprojekten mit perspektivischen Anschlussleistungen im dreistelligen Megawattbereich findet sich für bestehende Rechenzentren leichter eine konkrete Nutzung. Und die Umsetzung kann deutlich schneller gehen: 

Von der öffentlichen Vorstellung des Pallasseum-Projekts im Mai 2024 bis zur Betriebsaufnahme im November 2025 vergingen nur rund eineinhalb Jahre.

Anreize und Rahmenbedingungen richtig setzen

Das EnEfG setzt mit den Anforderungen für neue Rechenzentren also einen wichtigen Impuls. Es rückt das Thema Abwärmenutzung aus Rechenzentren in den Fokus und sorgt dafür, dass künftige Anlagen nicht mehr ohne Blick auf die Wärmeversorgung geplant werden. Um aber die Abwärmepotenziale zu erschließen, die heute bereits vorhanden sind, braucht es mehr.

Sinnvoll wären gezielte Anreize für Bestandsprojekte. Dabei geht es nicht darum, neue regulative Anforderungen aufzubauen oder große Finanzhilfen zu geben. Sinnvoller und wirksamer wäre ein Instrumentenmix, der die Suche nach geeigneten Projekten erleichtert und die Risiken reduziert.

Kommunen und Wärmeversorger brauchen Unterstützung dabei, Wärmequellen und Wärmesenken systematisch zusammenzubringen. Dazu gehören Wärmekataster, standardisierte Erstprüfungen, geförderte Machbarkeitsstudien und neutrale Moderation zwischen Rechenzentrumsbetreibern, Gebäude-Eigentümern, Stadtwerken und Kommunen.

Auch die öffentliche Beschaffung kann einen Beitrag leisten. Wenn öffentliche Einrichtungen Rechenzentrums-, Colocation– oder Cloud-Leistungen ausschreiben, könnte auch die Frage, ob ein Rechenzentrum Abwärme sinnvoll bereitstellt oder in ein lokales Wärmekonzept eingebunden ist, ein relevantes Kriterium sein. Das würde keinen Automatismus schaffen, aber ein klares Signal setzen: Wer Abwärme nutzbar macht, schafft einen lokalen Mehrwert.

Wichtig sind außerdem Klarheit bei den rechtlichen und vertraglichen Rahmenbedingungen. Viele Projekte scheitern nicht an der Technik, sondern an Unsicherheit: 

Wem gehört die Wärme? Zu welchem Preis darf sie abgegeben werden? Wer trägt Kosten für Übergabestation, Leitungen und Wärmepumpen? Wer haftet bei Ausfällen? Welche Daten müssen offengelegt werden, und wie bleibt der sichere Betrieb des Rechenzentrums geschützt? 

Musterverträge, Leitfäden und klare Regelungen könnten die Projektanbahnung erheblich beschleunigen. Auch eine staatliche Risikoabsicherung könnte Abwärmeprojekte deutlich voranbringen. Wärmenetzbetreiber investieren hohe Summen in die Infrastruktur. Sie verlassen sich auf eine sichere und langfristige Wärmelieferung. Vieles spricht dafür spricht, dass Rechenzentren das leisten werden. Eine Garantie dafür kann das Rechenzentrum aber nicht abgeben. 

Das Thema Abwärmenutzung aus Rechenzentren braucht mehr Pragmatismus. Nicht jedes Rechenzentrum wird zur idealen Wärmequelle. Nicht jedes Wärmenetz kann Niedertemperaturwärme sinnvoll aufnehmen. Und nicht jedes Projekt wird wirtschaftlich aufgehen. Aber genau deshalb sollte man dort anfangen, wo die Voraussetzungen günstig sind: bei bekannten Wärmemengen, kurzen Distanzen, geeigneten Verbrauchern und Betreibern, die kooperieren wollen.

Bild: Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert

Gastbeitrag auf: https://www.datacenter-insider.de/ralph-hintemann-die-bessere-loesung-liegt-oft-im-bestand-a-b37378b395922ee50b119cc662d50ef9/